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Mittwoch, 21. Dezember 2016

Weihnachtshäppchen - Bettina Kiraly



Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 






***Weihnachtshäppchen***

Bettina Kiraly hat sich der Herausforderung von Martina König gestellt


Tannenzapfen
Zimtsterne
Schneegestöber
Eierpunsch
Schlittschuhe


Martina biss in einen der in der weihnachtlich dekorierten Hütte bereitgestellten Zimtsterne, während sie aus dem Küchenfenster sah. Der Wetterbericht hatte starken Schneefall angekündigt. Doch noch handelte es sich erst um ein paar einzelne Flocken.
Die Hintertür wurde aufgestoßen und ließ kalte Luft in die kleine Küche.
Jordan trat ein, das Holz unter dem Arm, das er gerade kleingehackt hatte. Sein Gesicht war von der Kälte gerötet, weshalb das Blau seiner Augen noch stärker leuchtete als sonst. „Das sollte für’s Erste reichen“, meinte er und schlug die Tür mit einem Fuß hinter sich wieder zu. „Ich lege gleich Feuerholz nach. Irgendwie muss ich doch versuchen, dich aus deinem kuscheligen Schlabberpullover zu bekommen.“
Das spitzbübische Funkeln in seinem Blick brachte ihren Magen zum Kribbeln. „Eigentlich dachte ich, wir würden gemeinsam mit den anderen heute noch Schlittschuh fahren gehen.“
Er zog sich den ersten Schuh vom Fuß, indem er die Ferse unter die Sohle des anderen Schuhs klemmte. Anschließend schlüpfte er auch aus dem anderen Schuh und ging auf Socken Richtung Wohnzimmer. „Ich habe den Plan verworfen, nachdem ich den Wetterbericht gehört habe. Die Straße durch den Wald kann schnell zu einer gefährlichen Rutschbahn werden. Wir bleiben lieber das Wochenende über hier oben in der Hütte. In deiner Gesellschaft wird mir bestimmt nicht langweilig. Und ich wüsste auch das eine oder andere, mit dem wir uns die Zeit vertreiben könnten.“
„Dann sind wir hier eingeschlossen?“ Martina folgte ihm nach nebenan. Ihr Puls beschleunigte sich bei der Vorstellung, die nächsten beiden Tage die Nähe dieses Mannes ertragen zu müssen, der ihre Abwehr mit seinem ständigen Flirten auf eine harte Probe stellte. Als er nicht antwortete, sondern sich stattdessen hinhockte und auf das Feuer im Kamin konzentrierte, straffte sie die Schultern. „Aber die anderen kommen noch, nicht wahr? Wir sind hier nicht alleine, oder?“
„Tut mir leid, Süße. Kim hat vorhin angerufen, dass sie es nicht rechtzeitig vor dem Wetterumschwung schaffen werden. Wir beiden können ohne Zeugen in Unterwäsche rumlaufen, sobald das Feuer wieder richtig brennt.“ „Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Ich werde mir ein Taxi rufen und mich zurück zum Bahnhof bringen lassen.“
Er hob den Kopf. „Dafür ist es zu spät. Mach dir keine Sorgen. Du hast von mir nichts zu befürchten.“
Sie schnaubte.
„Der Schneefall wird bereits stärker, und du musst ohnehin hier bleiben.“
„Hast du das eingefädelt? Ist Kim eingeweiht? War die Einladung zu diesem Wochenende nur ein Trick, um mich in die Finger zu bekommen?“
Der Bruder ihrer besten Freundin - und hauptsächlich aus diesem Grund absolutes Tabu - sprang auf und kam auf sie zu. Er schien jetzt ehrlich verärgert. „Blödsinn! Das habe ich nicht notwendig. Wenn ich eine Frau will, kriege ich sie auch, ohne sie entführen zu müssen. Keine kann mir widerstehen. Du bildest da auch keine Ausnahme, Süße.“
„Oh, wie überheblich. An mir beißt du dir jedenfalls die Zähne aus. Ich stehe nicht auf dominante Machos!“ Wie sehr sie wünschte, dass das der Wahrheit entspräche. „Trotzdem muss ich hier weg.“
„Ich sollte dich in das Schneegestöber rausstapfen lassen, bis du zur Vernunft kommst. Doch spätestens in einer halben Stunde wirst du deine Hand nicht mehr vor dem Gesicht erkennen können. Das Wetter lässt sich nicht ändern. Also hör auf, uns beiden das Leben schwer zu machen.“
Jordan stand jetzt direkt vor ihr. Der Duft seines Aftershaves stieg ihr in die Nase. Seine breiten Schultern versperrten ihr den Weg. Er war so nah, dass sie die hellen Sprenkel in seinen blauen Augen erkennen konnte. Ihr Blick heftete sich auf den Schwung seiner Lippen, die sich zu einem spöttischen Grinsen verzogen. Das Atmen viel ihr schwer. Sie räusperte sich. „Dann bleibe ich eben. Aber jetzt muss ich mal.“
Martina schlängelte sich an ihm vorbei und schloss sich im Badezimmer ein. Sogar hier hatten die Vermieter der Hütte Weihnachtsdekoration aufgestellt. Wütend funkelte sie die Schüssel mit Tannenzapfen an. Vielleicht konnte sie die Dinger als Wurfgeschosse verwenden, wenn Jordan ihr wieder zu nahe kam.
Die letzten Wochen war es ihr gelungen, nicht mit ihm alleine zu sein. Sie hatte seine Gesellschaft grundsätzlich gemieden, seit er begonnen hatte, wenig versteckt mit ihr zu flirten. Für ihn mochte das nur ein Spiel sein, aber sie schwärmte schon seit ihrer Teenagerzeit für ihn. Wenn sie ihm erlaubte, ihr unter die Haut zu kriechen, könnte er ihr ganz leicht das Herz brechen. Da darunter auch ihre Freundschaft zu Kim leiden würde, ginge sie dieses Risiko niemals ein. Lieber versteckte sie sich den Rest des Wochenendes hier in diesem Badezimmer.
Als es an der Tür klopfte, zuckte sie zusammen. „Alles okay? Du bist schon ziemlich lange da drinnen.“
„Verschwinde einfach“, bat sie.
„Ich habe eine Flasche mit Eierpunsch gefunden. Vielleicht erträgst du mich leichter, wenn du etwas von dem Zeug trinkst.“
„Danke, verzichte.“
Kurz war es still. „Komm schon, Martina. Dich vor mir zu verstecken ist keine Lösung. Bestimmt wird dir bald langweilig.“
„Dann solltest du dich in eines der Schlafzimmer zurückziehen und mich in Frieden lassen.“
„In das Schlafzimmer“, korrigierte er.
„Wie bitte?“
Er seufzte. „Sie haben uns die falsche Hütte zugewiesen. Es gibt nur ein Schlafzimmer.“
Das wurde ja immer besser. Sie musste weg. Schnell. Wutschnaubend öffnete sie die Tür. „Das kannst du sowas von vergessen. Soll ich mir etwa das Bett mit dir teilen?“
„Eine verlockende Vorstellung.“ Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Bestimmt wird es im Zimmer so schön warm. Und dir auch. Dir scheint doch ohnehin ständig kalt zu sein, so wie du dich einmummst.“
Nur zu ihrer Sicherheit. „Ich schlafe nicht mit einem gefühllosen Mistkerl wie dir!“
Das Grinsen verschwand. Seine Augen wurden schmal. „Es war nur ein Scherz, um dich aus dem Badezimmer zu kriegen. Du hast einen Raum ganz für dich alleine.“ Er wandte sich um und marschierte mit energischen Schritten den Gang entlang.
Vielleicht hätte sie ihn nicht beleidigen sollen. „Tut mir leid!“, rief sie und folgte ihm ins Wohnzimmer. „Lass uns die nächsten beiden Tage wie zwei vernünftige Menschen miteinander umgehen. Schließlich sind wir sowas wie Freunde.“
Er blieb so abrupt stehen, dass sie gegen seinen Rücken stieß. Mit einer geschmeidigen Bewegung drehte er sich zu ihr, griff nach ihren Oberarmen und drängte sie gegen die Wand. „Freunde? Du weißt genau, dass das nicht stimmt. Ich empfinde etwas ganz anderes für dich. Sag einfach, wenn du mich nicht leiden kannst. Aber tu nicht so, als wäre dir nicht bewusst, dass ich mich in dich verliebt habe.“
„Verliebt? Du? In mich?“ Ihre Kehle wurde eng. Ihr Herz flatterte. Nein, es war dennoch keine gute Idee, diese unglaublich weich aussehenden Lippen auf ihrem Mund fühlen zu wollen. „Woher soll ich das denn bitte wissen?“ „Hast du mich im letzten halben Jahr mit einer Frau gesehen? Hast du nicht bemerkt, dass ich ständig deine Nähe gesucht habe? Und meine Flirtversuche sollten auch direkt genug gewesen sein.“
Sie starrte in sein attraktives Gesicht, spürte, wie ihr Körper ihm entgegendrängte. Nur zu gerne wollte sie ihm glauben. „Kim ist meine beste Freundin.“
„Was hat das mit meinen Gefühlen für dich zu tun?“
„Es würde großen Druck für uns bedeuten. Es wäre zu seltsam. Und wenn wir das in den Sand setzen, hätte das Auswirkungen auf meine Freundschaft zu Kim.“ Mit diesen Worten gab sie indirekt zu, ähnlich wie er zu empfinden. Aber er musste verstehen, warum es nicht sein konnte. Am besten wand sie sich aus seinem Griff und brachte sich in Sicherheit vor der großen Anziehungskraft. Stattdessen legten sich ihre Hände in seinen Nacken. „Sie hält dich für unfehlbar. Bestimmt würde sie mir die Schuld geben, wenn wir uns trennen sollten. Darum ist es unmöglich …“
„Halt die Klappe“, befahl er mit rauer Stimme. Der Ausdruck in seinen Augen veränderte sich. Ein Feuer loderte darin, das alles von ihr verlangte: ihr Herz, ihre Seele, ihre Zukunft. Trotz seines toughen Auftretens lag echtes Gefühl in seinem Blick.
Ihre Atmung beschleunigte sich. Als er sich über die Lippen leckte, wurden ihre Knie schwach. Ihr Herz wollte ihn, ihr Körper ebenso. Hatte sie überhaupt noch eine Wahl?
Sein Gesicht kam näher. Blinzelnd schluckte sie mit trockener Kehle. Sein Mund berührte ihren, und sie stöhnte sehnsüchtig auf. Er küsste sie vorsichtig, ehrfürchtig. Jordan! Der Mann der ständig Machosprüche von sich gab, zeigte völlig unerwartet seine sanfte Seite. In diesem Moment gab die Mauer um ihr Herz endgültig nach.
Er hob seine Hände zu ihrem Gesicht, umfasste es mit zitternden Fingern. Seine Lippen waren so unglaublich weich. Sein zärtlicher Kuss jagte das Begehren durch ihren Körper. Doch statt seinem Ruf gerecht zu werden, nichts anbrennen zu lassen, machte er keine Anstalten, sie hier und jetzt zu mehr zu verführen.
„Wolltest du mich nicht aus meinem Pullover kriegen?“, fragte sie an seinem Mund.
„Keine Sorge. Ich gehe dir nicht gleich an die Wäsche“, versprach er heiser. „Bei dir mache ich alles richtig.“
Seine Worte ließen einen Hitzeball in ihrem Magen entstehen. Stöhnend presste sie sich näher an ihn, rieb ihre Hüfte an seiner Mitte. „Verdammt ungünstiger Zeitpunkt, um dich wie ein Gentleman zu verhalten.“
„Aber …“
„Manchmal stehen wir Ladys auf Bad Boys.“ Sie beugte sich vor und flüsterte in sein Ohr: „Wir haben genug Zeit vergeudet. Dieses Wochenende wird zeigen, ob wir harmonieren. Beim Zusammenleben und im Bett.“
Einen Moment schien er wie erstarrt. Dann hob er sie schwungvoll hoch und trotz ihres überraschten Aufschreis auf seine Arme. Während er sie in eines der Schlafzimmer trug, platzierte sie viele kleine Küsse auf seinem Gesicht.
Jordan legte sie auf dem Bett ab und war sofort über ihr, um sie richtig zu küssen. Seine geschickten Finger schälten sie in der Zwischenzeit aus ihrer Kleidung, brachten sie anschließend zum Stöhnen.
„Wenn du dir einen Bad Boy wünschst, sollst du ihn bekommen“, murmelte er, während er seine Lippen über ihre Haut wandern ließ.
Martina stöhnte unter seinem Ansturm. Sollten sie ruhig eingeschneit werden. Am besten dauerte der Schneesturm gleich einige Tage. Sie hatte hier alles, was sie brauchte. Und noch ganz viel mehr.

Weihnachtshäppchen - Mila Summers



Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 






***Weihnachtshäppchen***

Mila Summers nominiert von Ulrike Meiss

Bratapfel
Strohsterne
Krippe
Chorgesang
Blockflötenkonzert



 Die Kurzgeschichte nimmt Bezug auf das Ende von „Irrepressible Desire“

Eine schöne "unperfekt/perfekte" Weihnachtsgeschichte....

Eigentlich hätte der Abend in einer Katastrophe enden müssen. Jede Komponente des Weihnachtsessens ist im Backofen oder im Kochtopf verbrannt, Bradleys Vater hat sich ausgiebig mit unserem Spirituosenvorrat vertraut gemacht und das Jesuskind aus unserer Krippe wurde von Finn, meinem kleinen Neffen, auf den Boden geworfen und zerbrach.
Kurz vor dem Durchdrehen entschied ich mich dazu, im Schlafzimmer endlich in mein Kleid zu schlüpfen – leider war dafür vor dem Eintreffen meiner Gäste keine Zeit gewesen, da sie es vorzogen, früher als vereinbart aufzutauchen.
Genervt und nur widerwillig kehre ich also wenige Minuten später ins Wohnzimmer zurück und staune nicht schlecht, als ich dort ankomme.
»Was …?«
Das Licht des Raumes ist gedimmt. Unzählige Kerzen tauchen den Raum in diese verklärt romantische Atmosphäre, die Weihnachten so einzigartig macht. Ein Blockflötenkonzert wird gerade von einem kindlichen Chorgesang abgelöst. Ich staune nicht schlecht über ihre Interpretation von Jingle Bells.
Mit weit geöffnetem Mund starre ich meine Familie an, die dazu übergegangen ist, Strohsterne zu basteln. Strohsterne! Das ist einfach … Mir fehlen die Worte.
Was zum Henker war im Punsch und wo zum Geier haben sie das Strohzeugs aufgetrieben?
»Na, da staunst du, was?«
Bradley kommt zu mir, legt mir seine Hand behutsam in den Rücken, während er mir einen sanften Kuss auf die Schläfe gibt und läuft mit mir gemeinsam zu dem großen Tisch, an dem die neuen Hobbybastler emsig an ihren Kunstwerken basteln.
»Was ist denn hier los? Ich war doch keine fünf Minuten weg. Das ist alles so …«
»Wundervoll. Nicht? Das wolltest du doch sagen«, beendet Mom meinen Satz. Sie strahlt so viel Zufriedenheit und Ruhe aus, dass sich diese auch auf mich übertragen.
Plötzlich kann ich mich an den ganzen Stress, der nur wenige Minuten zurückliegt, gar nicht mehr richtig erinnern.
»Liegt da eine Playmobilfigur in der Krippe?«, frage ich skeptisch, als ich mich weiter im Raum umblicke.
»Ja, eine freundliche Leihgabe von Finn.«
Hope lächelt und fährt ihrem kleinen Jungen behutsam übers Haar.
Der Kleine schaut mich reumütig an und versucht sich in einem »Entschuldigung«, das mehr nach »Tschuldidung« klingt.
»Ach, mach dir darüber keine Sorgen, mein Großer. Alles halb so schlimm.«
Noch während ich das sage, steigt mir ein nur allzu bekannter Geruch in die Nase.
»Sagt mal, riecht es hier immer noch oder schon wieder verbrannt?«
»Mist, das sind die Bratäpfel.«
Bradley hastet zum Backofen, während ich das Lachen nicht mehr zurückhalten kann. Dieses Weihnachten wird mir sicher ewig in Erinnerung bleiben.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Weihnachtshäppchen - Kathrin Lichters



Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 





***Wunderküsse - Eine Lesehäppchen zur Weihnachts-Indie-Author-Challenge***

Kathrin Lichters hat die Wörter von Anie Salvatore erhalten und daraus diese Geschichte gemacht:

Vanillekipferl
Christbaumständer
Weihnachtsengel
Glühwein
Nikolaus


Das erste Jahr ohne sie würde ein bedrücktes Weihnachtsfest werden, soviel stand fest. Helen blickte traurig auf den Weihnachtsengel in ihrer Hand, der Kindheitserinnerungen in ihr weckte, die sie ein wenig trösteten. Vor über zwanzig Jahren hatte sie ihn mit ihrer Großmutter gebastelt. Solche Gegenstände waren ihr im Moment unglaublich wichtig. Vor Jahren hätte sie sie noch überstürzt in die Ecke geräumt, weil sie alt und nicht modern genug für ihre schicke Wohnung waren. Doch mit dem Verlust von ihrer geliebten Großmutter, die sie großgezogen hatte, sah das nun anders aus. Plötzlich waren diese unbedeutenden Kleinigkeiten besonders wichtig. Lag es an ihrem Alter, das ihr manche Dinge auf einmal klarer waren?
Der Ruf ihres Bruders hallte durch die Räume und Helen sah sich zu ihm um. Ein Ungetüm von Weihnachtsbaum wurde gerade in ihr Wohnzimmer geschleppt. Zwischen den grünen Ästen tauchte endlich Ralf auf, dessen Brille nur noch an einem Ohr baumelte. Er grinste sie schief an. „Du glaubst nicht, wen ich getroffen habe, Helen.“
„Wen?“, horchte sie nur wenig interessiert nach.
„Mich!“, ertönte es vom anderen Ende des Baumes und erst jetzt fragte Helen sich, wer diesen Wahnsinnsbaum mit Ralf getragen hatte. Ein paar Tannennadeln stachen in den blonden, mit Gel modellierten Haaren hervor, die Wangen waren von den Minusgraden ganz gerötet, aber diese Augen … Diese Augen hätte Hellen überall erkannt.
„Lars?“, wisperte sie und fürchtete, bereits an den Krümeln des Vanillekipferls, den sie vor Kurzem gegessen hatte, zu ersticken. Ihr Herzklopfen nahm Fahrt auf, wie ihr alter rostiger Polo. Er lächelte, so anziehend wie vor einem Jahr zuvor. Verdammt, wie sah sie nur aus? Das war so typisch! Ihr Bruder schleppte den einzigen Kerl in ihrer Wohnung an, den sie unter keinen Umständen wiedersehen durfte. Eine Wohnung, die sie sich im Moment mit ihm teilte, weil seine Frau ihn für eine andere verlassen hatte. Da stand sie also mit ihren dreißig Jahren, dem mehlverschmierten Pullover, der sie nicht unbedingt schlanker machte, einem gebrochenen Herzen und betrachtete nun Lars, den verlobten Mann, an den sie ihr Herz verloren hatte. Sie blickte in seine dunkelblauen Augen, während Ralf dieses Ungetüm in den Christbaumständer wuchtete und beinahe dabei umfiel. Keiner der beiden schien es zu bemerken, denn Lars trat nur einen Schritt näher auf sie zu, wodurch Helen nach Luft schnappte.
„Helen … schön, dich zu sehen“, murmelte er leise.
„Ja, das muss ja ewig her sein ...“ Auf den Tag ein Jahr, erinnerte sie sich bedrückt. Helen hielt inne und dachte an den Kuss, der sie vor einem Jahr alle Zelte in dem Ort, wo sie aufgewachsen war, hatte abbrechen lassen. Ein untrügliches Gefühl beschlich sie, dass er auch an diesen Moment zurückdachte. Damals war Lars in einer langjährigen Beziehung gewesen und hatte wochenlang dabei geholfen, ihrer Großmutter den Garten zu verschönern, weil sie es nicht mehr allein schaffte. Sie hatte sich Hals über Kopf in den Mann verliebt, der schon immer mit ihrem Bruder befreundet gewesen war und mit dem sie mehr Zeit verbracht hatte, als es sich gehörte – zumindest, wenn er verlobt war. Mit gebrochenem Herzen hatte sie sich zurückgehalten, weil sie eben nicht zu den Frauen gehörte, die anderen ihre Männer ausspannte. Doch dann hatte ihre Großmutter das übliche Nikolausfest gefeiert, mit Glühwein, selbst gebackenen Plätzchen und ihren selbstgestrickten Socken. An diesem Abend hatte es einen Moment gegeben, in dem sie sich sicher war, sich die unzähligen Blicke und Vertrautheiten von ihm nicht eingebildet zu haben. Im Schuppen, auf der Suche nach einem Handfeger, war es zu einem einzigen und wahrhaft unvergleichlichen Kuss gekommen, der Helen am nächsten Tag veranlasst hatte, ihre Sachen zu packen und Lars nie wiederzusehen. Das hatte nicht gut geklappt, wie sie jetzt einsehen musste. Denn auch ein Dorf weiter schleppte ihr Bruder ihn nun an. Doch wie hätte sie Ralf einen Vorwurf machen können, wo er doch nichts von diesem schwachen Moment wusste.
„Das mit deiner Großmutter tut mir leid, ich habe davon gehört, aber ich wusste nicht, ob du mich auf der Beerdigung sehen wolltest.“
„Danke, es ist schon … okay“, wich sie ihm aus. „Ich … bin noch mit den Keksen beschäftigt … ähm, und lass euch mal allein.“ Damit floh sie aus dem Wohnzimmer, obwohl Ralf ihr irritiert nachrief, sie solle ihm doch beim Baumaufstellen helfen.
Lars folgte ihr jedoch in die Küche und sagte eifrig: „Ich weiß, dass es womöglich viel zu spät ist, um über diesen Kuss zu reden, aber …“
„Das könnte man so sagen“, stieß sie überrascht aus und sah bestürzt, wie er die Entfernung zu ihr immer weiter verkleinerte und ihr näherkam.
„Du bist damals einfach weg gewesen …“
„Wehe dir, du schiebst mir die Schuld zu. Du bist mit einer anderen verlobt, erinnerst du dich? Ich habe mich so schlecht gefühlt, weil ich … wir …“
„Deine Großmutter hat mich dazu angehalten, dich nur aufzusuchen, wenn ich meine Angelegenheiten geregelt habe und …“
„Sie hat was?“, entfuhr es Helen überrascht. Hatte sie es gewusst? Nun ließ Lars die Schultern hängen.
„Sie wollte nicht, dass du die andere Frau wirst und sie hatte recht. Denn dann hätte ich alles ruiniert. Nachdem ich mich von Kathleen getrennt hatte, wollte ich einen Neuanfang und regelte alles. Danach habe ich von dir und Erik erfahren und als deine Großmutter starb, wusste ich nicht …“
„Timing war nie unsere Stärke, oder?“, fragte Helen leise und ihre Mundwinkel hoben sich, obwohl sie Tränen in den Augen hatte.
Lars lächelte ebenfalls. „Du hast dich von Kathleen getrennt?“, wisperte sie mit erstickter Stimme.
Ein Nicken folgte und Lars überbrückte die letzte Distanz zu ihr. „Ich kam heute her, weil es genau heute ein Jahr her ist, dass du mein Leben auf den Kopf gestellt hast. Ich konnte nur noch an diesen Kuss denken und die Gefühle, die er in mir ausgelöst hat.“ Seine Hände streichelten über ihre Wangen, die sicher voller Mehl waren.
„Dann bist du gar nicht wegen Ralf hier.“
„Ich bin wegen dir hier. Genau genommen bin ich hier, um das zu tun.“ Eine Hand strich durch ihr lockiges Haar und umfing ihren Nacken, während die andere an ihrer Taille blieb, wo er sie zu sich heranzog, bis ihre Körper sich berührten und sein Mund ihre Lippen verschloss. Zuerst zärtlich, später inniger küssten sie sich und es war noch viel besser als in dem Jahr zuvor.

Weihnachtshäppchen - Dietmar Hesse



Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 





Dietmar Hesse  hat nach den Vorgaben von Thea Campbell eine norddeutsche Weihnachtsgeschichte geschrieben

Schnee
Rudolf das Rentier
Weihnachtsessen
Weihnachtsgebäck
Bescherung

Winter an der Küste - Dietmar Hesse mit Wörtern von Thea Campbell

Vor dem Fenster tanzten die Flocken lustig in der leichten Brise und bedeckten die Landschaft mit Schnee. Gemeinsam hatten sie beschlossen, die Heimat an der Nordsee zum Fest zu besuchen. Sie, um die Familie zu sehen. Er wollte Freunde aus dem Büro treffen. Das alles erschien ihm wie ein Schritt durch das Tor der Vergangenheit.
Er fühlte sich in der Wärme der Toskana in der letzten Zeit zuhause. In Gedanken hatte er den Norden Deutschlands schon lange hinter sich gelassen. Der Anblick der Dünen unter der Decke aus weißer Pracht ließ ihn jedoch lächeln.
Neben ihm drehte sich Eva seufzend auf die andere Seite und schlief entspannt weiter. Er betrachtete ihr Gesicht eine Weile, dabei fragte er sich: Womit habe ich mir diese Traumfrau verdient? Hier fühlte sich alles anders an. Es war die Stille. Leises Rauschen der See, das zwischen den Dünen einen Weg zu seinem Ohr fand, versprach ruhige Tage.
Der betörende Duft frisch aufgebrühtem Kaffees schwebte ihm von unten herauf in die Nase. Frau Harmsen breitete das Frühstück zu.
Lächelnd wendete er sich Eva zu und stupste sie liebevoll an. »Der Kaffee ist fertig«, sang er ihr sanft das Lied ins Ohr.
Sie räkelte sich, grummelte etwas Unverständliches und sah ihn dann fragend an. »Wwwas ist fertig?« Verschlafen setzte sie sich auf.
»Die Vermieterin bereitet das Frühstück. Wir sollten uns anziehen. Ein wenig frisch machen.«
»Wie spät ist es denn?«
»Kurz vor acht.«
»Ich schlafe hier so lange, das liegt bestimmt an der Stille. Kein Vogel weckt mich.«
»Die Möwen stehen an der Küste nicht so früh auf.« Grinsend ging er ins Bad.
Eva warf ihm ein Kopfkissen hinterher. »Du …«

»Moin mien Deern, du siehst hungrig aus. Kaffee oder Tee?« Sie strahlte über das runde, fast faltenlose Gesicht. Nur die graue Haarpracht ließ ihr Alter erahnen.
»Bitte einen Kaffee.«
Die dampfenden Tassen stellte sie zusammen mit einem Teller Weihnachtsgebäck auf dem Tisch ab, und fragte augenzwinkernd: »Wie wollt ihr das Ei? Gekocht, gerührt oder als Spiegelei?«
»Rührei«, flüsterte Eva am heißen Nass nippend.
Das Frühstück war genau das, was sie jetzt brauchten. Frau Harmsen erfüllte alle Wünsche. Gesättigt zogen sie die warmen Stiefel und Jacken an.
Sie hatten sich einen Strandspaziergang vorgenommen. Bei jedem Schritt knirschte es unter den Sohlen, so frostig war es.
Eva sah einfach lustig aus mit der bunten Pudelmütze. Verspielt wie kleine Kinder liefen sie immer wieder los, bewarfen sich lachend mit der weißen Pracht. Vor der Düne schmissen sie sich in den Schnee, um Schneeengel zu zeichnen.
Verschmitzt betrachteten beide das Ergebnis. Jan küsste Eva und räusperte sich, sie in den Arm nehmend.
»Du, mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken an den heutigen Abend. Das Weihnachtsessen liegt mir schwer im Magen. Heiligabend ist doch was Persönliches. Ihnen an einem Familienfest als Fremder zu begegnen… Muss ich da wirklich mit?«
»Wenn du jetzt den Schwanz einziehst, bin ich dir ernstlich böse, Jan van den Books.« Durchdringend sah sie ihm in die Augen. »Sie freuen sich darauf, dich als den Mann an meiner Seite kennenzulernen. Es ist nur ein Essen in der Fischerhütte. Das gemütliche Lokal am Hafen wird dir gefallen.«
Jan lachte Eva an und drückte sie fest. »Dann habe ich wohl keine Wahl, will ich es mir mit dir nicht verscherzen. Wir bestellen uns zu sechs eine Taxe, das sollte passen.«
Auf dem Weg zurück schlenderten sie an einem Spielplatz vorbei. Die Kleinen waren aufgeregt. Sie umschwärmten etwas, von dem nur zwei Stangen über den Köpfen der Kinder hervorlugten.
Neugierig traten Jan und Eva näher heran. Ein freundlicher Mensch hatte den Zwergen für diesen Tag einen Schlitten hingestellt. Gezogen wurde der von Rudolf, dem Rentier mit der roten Nase. Die Kids streichelten und knuddelten das Tier. Ein besonders mutiger Knabe versuchte, auf den Rücken zu klettern. Einen Moment sahen sie dem lustigen Treiben zu, dann gingen sie lächelnd weiter, verzaubert von der schönen Idee.
Der Taxifahrer stand pünktlich vor der Tür, sie abzuholen. Kaum aus dem Ort raus bog er ab auf den Dammweg. Zehn Kilometer geradeaus bis zum Ziel. Um diese späte Stunde an solch einem Tag waren sie die Einzigen auf dem Weg. Die Beiden saßen turtelnd auf der Rückbank. Auf halber Strecke stotterte der Motor des Wagens, der bockte noch zweimal und blieb stehen.
Der Fahrer zuckte mit den Schultern. »Irgendwas kaputt«, raunte er sich in den Bart. Dann rief er über Funk die Zentrale an.
»Heute, um die Uhrzeit? Da draußen, das dauert. Macht euch auf eine lange Nacht gefasst. Hast du Decken dabei?«
»Sie haben es gehört, das kann dauern.« Entschuldigend sah er sie an.
Eva kramte ihr Smartphone aus der Tasche. »Verflixt, kein Empfang. Die Eltern sollen nicht auf uns warten.«
Jan sah sich um. »Da vorne, nicht weit weg, ist ein kleines Haus. Da ist Licht in den Fenstern. Lass uns versuchen, von dort zu telefonieren.«
Beide stiegen aus dem Auto und machten sich auf den Weg. Im diffusen Mondlicht war zu sehen, dass Rauch aus dem Schornstein aufstieg. »Nur ein Anruf, wir wollen die Leute nicht beim Fest stören«, meinte Jan. Arm in Arm stapften sie durch den Schnee auf das Anwesen zu.
An der Tür angekommen, suchten sie vergeblich nach einer Klingel. Eva verlor die Geduld und klopfte laut.
Eine gebückt gehende alte Frau öffnete kurz darauf. »Oh, Frömm. Moije Wiehnachten. Kümmt in, buten is dat koolt. Streift euch bitte vorher die Schuhe ab. Der kleine Ofen schafft das ganze Haus nicht.« Eilig schloss sie hinter ihnen die Tür. »Jacken da aufhängen, und dann rinn in die gute Stube.
»Oh Minchen, Gäste! Stell noch zwei Teller auf den Tisch.« Ein alter Mann in Fischerkleidung erhob sich, um ihnen die Hand zu geben.
Jan druckste verlegen. »Wir wollten nur nach einem Telefon fragen. Hier hat das Handy keinen Empfang«.
»Dieser moderne Kram.« Mit einer einladenden Handbewegung zeigte er auf ein grünes Monstrum mit Wählscheibe.
Das hatte Eva schon lange nicht mehr gesehen. Sie wählte die Nummer ihrer Eltern, erklärte, warum sie heute nicht kommen konnten und legte dann schmunzeln auf. »Morgen sind sie bei uns«, meinte sie zwinkernd zu Jan. »Sie wollen dich kennenlernen.«
»Setzt euch, Lüüd. Gleich steht das Essen auf dem Tisch. Minchen kocht immer zu viel. Ihr seid eingeladen.«
Es gab ein Fischgericht, die beiden Alten erzählten von ihrem Leben als Fischer. Glückliche Zeiten hatten sie hier erlebt. Jetzt verbrachten sie die letzten Jahre in ihrem Häuschen und freuten sich auf jeden neuen Tag. Im Hintergrund stand ein kleiner Weihnachtsbaum, geschmückt mit Äpfeln und anderen Dingen, die Jan an die Kindheit erinnerten. An ihm brannten richtige Kerzen. Darunter lagen keine Päckchen. Jan sah fragend zu dem alten Fischer.
»Bei uns fällt die Bescherung aus, wir sind uns Geschenk genug. Das werdet ihr auch bald verstehen, wenn ich euch so ansehe.« Schmunzelnd blickte der Jan und Eva an.
Es klopfte an der Tür. Der Taxifahrer stand davor.
»Mein Kollege ist mit dem Ersatzfahrzeug da. Sie können weiterfahren.«
Sie verabschiedeten sich von den netten Gastgebern, wurden gedrückt und ein freundliches Winken begleitete sie auf dem Weg zur Straße.
Auf dem Rücksitz sagte Jan zum Fahrer: «Bitte zu unserer Unterkunft.«
Dann nahm er Eva in den Arm und gab ihr einen langen Kuss. »Das war ein wunderschöner Heiligabend mit dir.«

Weihnachtshäppchen - Ava Innings / Viola Plötz


Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 








Ava Innings/Viola Plötz stellt sich der Herausforderung und den Worten von Nina Grey.


Schneeflocken
Lichterketten
Weihnachtsleckereien
geschmückte Fenster
Familie




Chandler sah sich in dem Haus, in dem Willow aufgewachsen war, um. Es wirkte warm, einladend und behaglich und stand daher in krassem Widerspruch zu Willows Erzählungen. Chandler warf einen Blick zu seiner Freundin, die an einem der geschmückten Fenster stand, hinaus in die Nacht stierte und verzweifelt versuchte, ihre Schwester zu erreichen.

„Ich weiß nicht wo Harper steckt“, wisperte sie fast verzweifelt, als Chandler sich hinter sie stellte und seine Hände beruhigend auf ihre Schultern legte. Als er merkte, wie sie sich entspannte, trat er dichter an sie heran und umarmte sie.

Willow wölbte ihm ihren Rücken entgegen, neigte den Hals und forderte ihn stumm dazu auf, diesen zu küssen. Chandler tat es. Er schloss die Augen, rieb seine Nase über Willows Hals und knabberte an ihrem Ohrläppchen.
„Du bist so schön!“, raunte er ihr zu.
Willow schmunzelte unwillkürlich. „Ich bin so froh, dass du bei mir bist.“
„Ich bin froh, dass ich bei dir sein darf. Jeden Tag auf ein Neues!“, versicherte er ihr.

Er betrachtete ihr gemeinsames Spiegelbild in der Fensterscheibe. Willow, klein, zierlich, blond und quirlig wirkte seit ein paar Tagen wie verändert, doch Chandler sorgte sich nicht. Er war sich sicher, dass ihr sonderbares Verhalten nichts mit ihm zu tun hatte, sondern lediglich mit diesem Tag hier.

Chandler nahm sich vor, sich nicht von den Lichterketten, den Weihnachtsleckereien, vor allem jedoch von den Worten seiner Schwiegereltern in spe einlullen zu lassen. Willow fühlte sich unwohl. Sie war das reinste Nervenbündel und er war sich sicher, dass daran ihre Eltern, die sich bisher nett und charmant gezeigt hatten, schuld waren und genau deshalb sehnte Willow sich nach Harper. Ihre Schwester war stets ihre Verbündete gewesen, ihre Rückendeckung, doch jetzt war er an ihrer Seite und …
Ein Räuspern hinter ihm ließ ihn aufblicken.
„Ihr seid so ein nettes Paar“, säuselte Willows Mutter und fügte dann hinzu: „Vom Größenunterschied hat Patric zwar deutlich besser zu dir gepasst, Liebes, aber immerhin hat Chandler im Vergleich zu diesem unsäglichen Strider einen ordentlichen Beruf.“

„Auch noch Ansprüche stellen, man sollte meinen Millionär sei Millionär“, raunte Chandler Willow kaum hörbar zu und entlockte ihr ein amüsiertes Glucksen.
Laut sagte er: „Weihnachten ohne Schnee ist kein echtes Weihnachten.“
„Wie recht Sie haben, mein Lieber! Aber wir sind hier in Kalifornien und mit dem Schnee nicht so verwöhnt, wie Sie von der Ostküste.“
Zu Willow sagte Chandler im Flüsterton: „Ich liebe es, wenn ich meinen Kopf in den Nacken lege, die Zunge rausstrecke und Schneeflocken darauf fallen.“
Sie sah ihn an und ihre Augen funkelten amüsiert. Chandler mochte, wie Willow ihre Nase krauszog, wenn sie lachte. Er legte eine Hand an ihre Wange und küsste sie sachte auf den Mund.

Während des Essens musste er Willows Eltern Rede und Antwort über seine Absichten in Bezug auf ihre Tochter stehen. Bereits nach dem Kommentar hinsichtlich des Größenunterschiedes zwischen Willow und ihm war Chandler klar gewesen, dass er nicht als die Nummer eins bei der Partnerwahl für Willow galt. Er ignorierte die weiteren, zahlreichen Spitzen, die Willow und ihm deutlich machen sollten, dass Patric der bevorzugte Schwiegersohn wäre, denn obwohl Chandler noch immer unsicher war, so interessierte es ihn nicht im Geringsten, was die Ramseys von ihm hielten. Er wusste, dass Willow ihn glücklich machte und er sie und alles andere war ihm schlicht und ergreifend egal.

Später, als sie zusammen im Bett in seiner Penthouse-Wohnung, in die Willow vor Kurzem gezogen war, lagen, sagte Willow: „Es tut mir so leid. Es war ein furchtbarer Abend und du hast das wirklich nicht verdient.“
Chandler drehte sich auf die Seite, er spielte mit Willows Locken und erwiderte: „Es war ein wundervoller Abend, weil ich ihn mit dir verbringen durfte.“
„Du bist so lieb und einfach zu gut für diese Welt.“ Sie seufzte leise und schwermütig. Chandler wusste, dass ihr all die verletzenden Worte zugesetzt hatten. Die unterschwellige Feindseligkeit, die in jeder gesprochenen Silbe mitgeschwungen hatte, nagte nun an Willow.
„Lass uns etwas vereinbaren“, sagte Chandler und betrachtete Willow liebevoll.
„Was denn?“
„Lass uns vereinbaren, dass nur wir zählen. Nur du und ich. Lass uns abmachen, dass es egal ist, was andere über uns denken und dass wir uns immer unterstützen und wertschätzend behandeln. Lass uns daran arbeiten, dass wir uns erhalten, was wir jetzt für einander empfinden. Ich weiß, dass das nicht immer einfach sein wird, denn im Laufe der Zeit werde ich dich enttäuschen und du mich. Es werden kleine oder vielleicht sogar große Enttäuschungen sein, aber ich möchte, dass wir uns nicht auf diese konzentrieren, sondern auf all das Gute und Richtige, denn du bist gut und richtig. Um genau zu sein, bist du perfekt für mich und ich liebe dich von ganzem Herzen. Du bist meine Familie.“
Willow blinzelte gegen die Tränen an und erwiderte leise: „Und du bist meine.“

Sonntag, 11. Dezember 2016

Weihnachtshäppchen Marlies Borghold



Die Indie-Autor-Challenge, die seit März 2015 läuft,ist immer noch aktiv und beliebt. Jetzt hatten einige Autoren die Idee, eine weitere Challenge, mit Hilfe der Leser zu veranstalten. 






Marlies Borghold stellt sich der Herausforderung von Sonja Batzdorf und ihren Vorgaben:

Kinderlachen
Adventskranz
Schneeflocke(n)
Weihnachten
Schokoladenweihnachtsmann‬.


***

Toni konnte es nicht ertragen, dieses Getue um Weihnachten, und schaltete den Fernseher aus. Als wenn so ein Schokoladenweihnachtsmann, ob lila oder bunt, ein einziges Kinderlachen hervorlocken könnte! Als wenn man jetzt nur noch tonnenweise Plätzchen backen, tausende Weihnachtsmärkte besuchen und zig Hektoliter Glühwein trinken würde! Als wenn alle miteinander plötzlich fröhlich und friedvoll wären! Ein fünfzigjähriger eingefleischter Junggeselle wusste Bescheid. »Was für ein verlogener Scheiß!«, höhnte er und machte sich schwerfällig auf. Es war Zeit fürs Bett, schließlich begann der nächste Arbeitstag früh.


***

 »Fröhöliche Weihnacht überall«, trällerte Sonja, während sie die Kerzen des Adventskranzes ausblies, sich danach ihre rote Jacke überwarf und hinausging. Sie freute sich. Nach der Arbeit wollte sie mit ein paar Kollegen über den Weihnachtsmarkt bummeln. Das volle Programm: Glühwein, Bratwurst, Karussells, Kinderlachen. Ihre Trauer hatte Sonja überwunden, zumindest einigermaßen. Natürlich musste sie sich hin und wieder dazu zwingen, an ihre alte Lebensfreude anzuknüpfen, was gerade in dieser Zeit schwerfiel. Natürlich weinte sie ab und an, auch nach vier Jahren. Aber Arno hätte nicht gewollt, dass sie sich zurückzöge. Niemals! Das Wetter trug zu ihrer guten Laune bei. Es schneite! Der erste Schnee! Ein dicker weißer Teppich legte sich über die Stadt, verschluckte den Lärm. Grinsend trat sie auf den Gehweg, hob das Gesicht und ließ die Schneeflocken auf ihrer ausgestreckten Zunge schmelzen. In diesem Moment fühlte sie sich wie fünf und nicht wie fünfzig.


***

»Schnee!«, grummelte Toni und stieg missmutig aufs Rad. Hätte er doch vorher bloß aus dem Fenster geschaut. Jetzt war es zu spät für den Bus. Er bliebe besser auf dem Bürgersteig. Gott, er hasste diese Zeit, das Wetter und alles, was dazugehörte. Er sollte ... Rums! - Ein Schrei! Etwas Rotes flog ihm direkt vors Rad und jaulte mitleiderregend auf. Was für ein Hornochse war das denn?

***

 »Sie Hornochse«, brüllte Sonja. Irgend so ein Idiot hatte sie unsanft aus ihren Träumen geholt. Nun lag sie im Schnee, und ihr Fußknöchel schmerzte höllisch.
»Passen Sie doch auf!«, raunzte eine männliche Stimme.
»Ich? Sie haben mich über den Haufen gefahren! Au verflixt!«, jammerte sie, als sie aufzustehen versuchte.
Das Fahrrad wurde zur Seite gestoßen. Der Mann beugte sich über sie. Blaue Augen musterten sie besorgt. »Warten Sie! Nicht aufstehen! Ich rufe die Ambulanz!«
»Quatsch, ich kann den Fuß noch bewegen. Außerdem wird mir kalt. Würden Sie mir wohl bitte aufhelfen?«
»Natürlich. Tut mir leid.«
»Das sollte es auch!«, blaffte Sonja den Mann an, während er sie auf die Füße zog. Dabei kamen ihr die Tränen, vor Schmerz und weil der Tag nun keinen Weihnachtsbummel beinhalten würde. Offenbar hatte sie sich den Fuß verstaucht. Mist! »Ich muss zurück ins Haus.«

***

»Und ich muss zur Arbeit, bin eh spät dran«, schoss Toni ungehalten zurück. Er hatte eine Frau umgefahren, sah ihre Tränen und dachte über seine ungeliebte Arbeit nach. So ein Schwachsinn! Ihn packte das schlechte Gewissen. »Tztz, falls Sie wenigstens die Freundlichkeit besäßen, mich hineinzubegleiten, Herr, ähm, ...«
»Kaiser. Toni Kaiser. Ja, sicher.« Er stützte sie, damit sie ins Haus gehen und sich setzen konnte. Die Küche wirkte gemütlich, trotz des ganzen Weihnachtsschnickschnacks.
»Danke. - Ihre Arbeit ruft.« Sie ließ ihre braunen tränennassen Augen blitzen. »Ich komme schon zurecht.«
»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte er. »Ihr Knöchel muss gekühlt werden. Sie brauchen einen Verband.« Toni nahm ein Handtuch vom Haken, hielt es unter den Wasserkran und machte sich damit am lädierten Knöchel der Frau zu schaffen.
»Nein!«, schluchzte sie nun. »Hauen Sie einfach ab!«
»Bitte nicht weinen. Haben Sie Schmerzmittel hier? Wie heißen Sie überhaupt?«
»Ach, lassen Sie mich in Ruhe! Ich wollte heute nach der Arbeit auf den Weihnachtsmarkt und hatte mich so darauf gefreut.« Sie betrachtete Tonis laienhaften Verband und schmunzelte trotz der Tränen. »Ich heiße Sonja König.« »Nun denn, Sonja. Jetzt rufen wir beide erst einmal unsere Arbeitgeber an. König meldet sich krank, und Kaiser nimmt Urlaub.« Damit brachte er sie zum Lachen, einem hellen Lachen, das seltsamerweise sein Herz bewegte.

***

Am Nachmittag roch es in Sonjas Wohnung nach Glühwein, Bratwurst und Keksen. Kinderlachen und Weihnachtsmusik drang aus dem Handy, das Toni ihr ans Ohr hielt. Wenn der König nicht zum Weihnachtsmarkt gehen könnte, müsste der Kaiser ihm diesen halt bringen, hatte Toni schlicht gesagt.

***

Und der Kaiser blieb beim König.

***

Indie-Autoren - Weihnachtshäppchen


Die Indie-Autor-Challenge ist eine Aktion, die schon seit März 2015 läuft und erfreut sich immer noch großer Beliebtheit. Jetzt haben sich einige Autoren zu Weihnachten etwas tolles ausgedacht:




Hier habe ich die Autoren und Leser aufgeführt, sowie die Begriffe, die in der Geschichte vorkommen müssen. Nach und nach stelle ich hier den entsprechenden Link ein.



Viola Plötz– Nina Grey:
Schneeflocken, Lichterketten, Weihnachtsleckereien, geschmückte Fenster, Familie
Link zu ihrer Geschichte


Any Swan – Marina Doldd
Zimtsterne, Schneekugel, Duftkerze, Geschenk und Schneeflocken...


Nicole König – Elke Büchner
Krippenspiel Weihnachtsbaum, Weihnachtsmarkt, Adventskranz, Geschenke


Mila Summers – Ulrike Meiss
Bratapfel, Strohsterne, Krippe, Chorgesang, Blockflötenkonzert
Link zu ihrer Geschichte

Marlies Borghold – Sonja Batzdorf:
Kinderlachen , Adventskranz , Schneeflocke(n) , Weihnachten , Schokoladenweihnachtsmann‬
Link zu ihrer Geschichte

Medusa Mabuse – Nicole Berger:
Christmette, Schneegestöber, Weihnachtsschmaus, Familientreffen, Baumschmuck


Dietmar Hesse – Thea Campbell
Rudolf das Rentier, Weihnachtsessen, Schnee, weihnnachtsgebäck, Bescherung
Link zu seiner Geschichte


Kathrin Lichters – Anie Salvatore Autorin 
Vanillekipferl, christbaumständer, Weihnachtsengel, Glühwein, Nikolaus
Link zu ihrer Geschichte


Denise Wolf – Sabsy Grab:
Heiße Schokolade mit Schuß, Maronen, Kaminfeuer, Schnee, Mistelzweig


Bettina Betty Kiraly Kay - Martina König
Tannenzapfen, Zimtsterne, Schneegestöber, Eierpunsch, Schlittschuhe
Link zu ihrer Geschichte

Mittwoch, 30. November 2016

Indie-Autoren-Challenge - Marlies Borghold


Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen.
Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte.



Die Autorin Marlies Borghold schreibt über sich:
Ich wurde vor sehr langer Zeit, im Jahre 1959, im schönen Borken (Westfalen) geboren und lebe seit über dreißig Jahren in der Nähe von Düsseldorf (auch schön dort!). Einer plötzlichen Eingebung folgend schrieb ich vor ein paar Jahren einen Roman. Schon bald kamen mir die Fortsetzungen hierzu in den Sinn. Im Jahre 2013 traute ich mich dann endlich und veröffentlichte unter dem Pseudonym Agnes M. Holdborg die ersten beiden Teile meiner romantischen Fantasy-Elfensaga „Sonnenwarm und Regensanft“ („Zwei Sonnen“ und „Sonnensturm“) als E-Books. Der dritte Teil „Elfenstern“ erschien im August 2014. Neben der Fortsetzung zu dieser Reihe arbeite ich zurzeit an dem Fantasyroman „Kuss der Todesfrucht“, aber auch an Projekten in anderen Genres wie Erotikthriller, Krimi und manchmal auch an Gedichten.



Marlies Borghold ist neu in der Autoren-Challenge-Gruppe und wurde von Any Swan nominiert.


Diese Begriffe musste sie unterbringen:

Motorschaden
Glühwein
Rum
Weiberheld
Hundedecke
Zimtschnecke
Papierflieger
Mietwagen
Niesattacke
Allergie
Vollmond
Flugzeug
Hunger
Angst
Nebel


Marlies schreibt:
So, ihr Lieben! Ich habe mich an meinem ersten IAC-Beitrag versucht. Hätte die Geschichte einen Titel, hätte ich “Das verflixte siebte Jahr” oder “Der Ring” gewählt, ABER das hätte den Rahmen der drei Normseiten gesprengt, lach. Hier also meine Geschichte:


Der riesige Vollmond erhellte den Abendhimmel, als Till aus Richtung des Münchener Flughafens heimfuhr.

»Supermond! Wen interessiert’s?«, grummelte er. Er hatte andere Sorgen, die ihm in diesem Moment erneut vor Augen geführt wurden, weil er seine Hände am Lenkrad sah. Kein Ehering! Wo hatte er den bloß verloren? Verdammt! Er konnte doch nicht ohne seinen Ring bei Lena auftauchen. Im verflixten siebten Ehejahr! Was würde sie denken? Er liebte sie, wie er noch nie einen Menschen zuvor geliebt hatte, und jetzt das!

Till war übernächtigt und äußerst schlechtgelaunt. Zudem hing ihm sein Magen vor Hunger in den Kniekehlen. Die Zimtschnecke am Vormittag während der Konferenz war längst verdaut. Außerdem hatten die beiden Rotzbengel neben ihm im Flugzeug einen Papierflieger nach dem anderen sausen lassen.

Eine heftige Niesattacke setzte seiner Grübelei ein Ende. Verflucht! Er hatte doch angegeben, dass er unter einer Allergie litt. Tierhaare waren am schlimmsten. Schon gestern beim Einsteigen in den Mietwagen hatte ihn das Gefühl beschlichen, man hätte ihm eine Hundedecke übergestülpt.

Gott, was für zwei unselige Tage! Erst der Motorschaden zu Hause, weshalb er das angeblich allergiefreie Auto gemietet hatte. Dann das überraschende Zusammentreffen mit seinem alten Klassenkameraden Jan im Foyer des Hamburger Hotels. Eigentlich hatte Till einen ruhigen Abend verbringen wollen. Der nächste Tag würde anstrengend werden. Jan hatte alles über den Haufen geworfen und Till zu einer Kneipentour überredet. So wie früher! Also checkte er rasch ein, lud den Koffer im Zimmer ab, und los ging es.

Jan betitelte ihn immer noch als Schürzenjäger. Reiner Neid, wie Till fand, obwohl bei ihrem Streifzug durch die Bars einige schmollmündige, wohlproportionierte Damen mehr als interessiert an ihm waren. Er aber nicht! Seit er Lena kannte, war seine Zeit als Weiberheld passé.

Erst in der letzten Bar war ihm aufgefallen, dass sein Ehering nicht am Finger steckte. Kein Wunder, dass er derart angeflirtet worden war. Was hatte er alles versucht, um den Ring wiederzufinden: seinen Freund und besagte Damen vor den Kopf gestoßen, vier Bars durchsucht. Doch er hatte ihn nicht finden können.

Morgens war er aufgewacht, mit Brummschädel vom Glühwein und Rum samt schlechtem Gewissen, da er sich nicht bei Lena gemeldet hatte – und wegen des Rings. Sein Hotelzimmer hatte er aufgrund der Suche völlig verwüstet, was zudem an den zahlreichen Drinks gelegen hatte. Entsprechend hoch war seine Hotelrechnung ausgefallen. Für ein Frühstück war vor der Konferenz keine Zeit geblieben, wohl aber für eine kurze Nachricht an seine Frau, damit sie sich nicht sorgte.

Wabernder Nebel ersetzte den klaren Sternenhimmel, während Till das Auto in der Einfahrt zum Haus abstellte. »Passend zur Stimmung«, flüsterte er und schloss, beladen mit Koffer und Aktentasche, die Tür auf. »Hallihallo!« Gute Laune heuchelnd schob er seine beklemmende Angst beiseite. Dann ließ er einfach alles fallen und nahm Lena in die Arme, nachdem diese auf ihn zugestürmt war. Sie schien ihm nicht böse zu sein. Das würde sich jedoch bald ändern, befürchtete er. Viele Worte wurden nicht gewechselt. Selbst nach sieben Ehejahren war ihr gegenseitiges Begehren unverändert groß und musste zunächst gestillt werden.

»Du siehst furchtbar müde aus«, stellte sie danach fest.
»Bin ich auch.« Schwer seufzend gab er sich einen Ruck und erzählte von seinen Erlebnissen, insbesondere vom Ring. Stirnrunzelnd besah sie sich seine Hand.
»Das ist mir gar nicht aufgefallen. Naja, wir hatten ja anderes zu tun.«
»Bist du denn nicht sauer?«
»Natürlich nicht. So etwas kann schließlich passieren.« Till fiel auf, wie seine Frau auf ihrer Unterlippe herumkaute. »Du bist doch sauer.«
»Nein, weil ... Ich, äh, ich hab...«, druckste sie herum.
»Was? Was hast du, Schatz?«, hakte er nach.
»Okay, hör zu«, begann sie. »Neulich beim Einkaufen, da musste ich auf die Toilette, und da hab ich meinen schönen Ring, den du mir zum siebten Hochzeitstag geschenkt hast, abgenommen, damit nichts drankommt. Dann hab ich ihn vergessen. Ich bin selbstverständlich sofort zurück, als ich es bemerkt habe, aber er war weg. Es tut mir so leid.«
Till griff nach ihrer Hand und stutzte. »Du trägst ihn doch.« Er hatte den Ring extra für sie anfertigen lassen.
»Nun ja, ich hab beim Juwelier einen neuen bestellt.«
Er grinste. »Echt?« Eine tonnenschwere Last fiel von ihm ab. Was hatte er sich verrückt gemacht. »Ich liebe dich.«
»Ja, echt! Da kann ich dir wohl kaum böse sein, oder?« Sie grinste. »Und ja, ich liebe dich auch.«

Am nächsten Morgen beugte er sich über die geöffnete Motorhaube seines kaputten Autos. Womöglich hatte er vor seiner Abreise den Grund für den Defekt übersehen. Also stieg er in den Wagen, um den Motor anzulassen. Und da lag er, sein Ring, unschuldig schimmernd auf dem Beifahrersitz.

Sonntag, 16. Oktober 2016

Indie-Autoren-Challenge Betty Kay



Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen. Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte. Nach und nach möchte ich die Autoren und deren Geschichten vorstellen:




Bettina Kiraly veröffentlicht unter dem Pseudonym Betty Kay Spannungsliteratur. Unter dem Pseudonym Ester D. Jones sind drei Historische Liebesromane erschienen.
Geboren 1979, wuchs Bettina Kiraly in einem kleinen Ort im Bezirk Hollabrunn in Niederösterreich auf und lebt hier noch immer mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Töchtern.
Verbrechen lernte sie von der anderen Seite des Gesetzes bei der Arbeit in einem Rechtsanwaltsbüro sowie in einem Notariat kennen. Fasziniert von den dunklen Flecken auf der menschlichen Seele beschäftigen sich ihre Texte mit der Psyche der Hauptpersonen ihrer Geschichten.
Wieso sind Menschen zu Grausamkeit fähig? Warum handeln wir so, wie wir es tun? Seit 1.1.2010 ist sie Mitglied der Künstlervereinigung ART Schmidatal. Ende 2014 hat sie sich mit vierzehn anderen Liebesromanautorinnen zur Romance Alliance - Bücher mit Herz zusammengeschlossen. Im Moment arbeitet sie an diversen neuen Projekten.


Ihre Bücher können bei Amazon erworben werden:
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Ich freue mich, ein weiteres neues Mitglied in der Gruppe der Indie-Autor-Challenge begrüßen zu können. Betty Kay wurden von Jenny Effertz folgende 15 Begriffe genannt:



1. Ordner
2. Achterbahn
3. Zuckerwatte
4. Warteschlange
5. Hotdog
6. Kugelschreibe
r 7. Feuerzeug
8. Wasser
9. Show
10. Cowboy
11. Pferdeherde
12. Bulli (VW-Bus)
13. Schlafsack
14. Campingkocher
15. Kaffee


Und diese Geschichte hat sie dazu geschrieben:


Funken
 „Du gehst mir auf den Keks! Du bist ein richtiger Ordner!“
„Was hab ich mit einer Mappe gemeinsam?“, frage ich meinen aktuellen Mitbewohner.
„Der Mensch, nicht das Stehding, wo man was reinheftet!“ Mats‘ Kopf wird hochrot. „Ständig räumst du alles weg, und ich brauche tagelang, bis das Wohnzimmer wieder aussieht wie vorher!“
Unser Zusammenleben ähnelt verdammt einer Fahrt mit einer außer Kontrolle geratenen Achterbahn. Vor nicht mal vier Wochen bin ich her eingezogen, und schon möchte ich mich nach einer neuen Bleibe umsehen. „Auf den halbleeren Pizzakartons haben bereits Pilze gewuchert, die du nicht als Belag bestellt hast.“
„Es geht nicht um die Pizza. Unter den Sachen, die du weggeschmissen hast, waren auch meine Notenblätter.“
„Du kannst das Zeug längst auswendig klimpern. Also sei froh, dass jemand hinter dir her putzt.“
„Vielleicht mag ich mein Chaos einfach mehr als dich.“
Glaubt er, ich genieße seine Gesellschaft? „Dito. Kann es kaum erwarten, aus diesem Drecksloch auszuziehen.“ Ich schnappe mir meine Kamera und eine Jacke und trete die Flucht an.
Kurz darauf schiebe ich mich durch die Menge im Wiener und mache Aufnahmen von Gesichtern in den Warteschlangen. Ein kleiner Junge, der mit großen Augen zusieht, wie die Zuckerwattemaschine dünne Fäden spinnt, bringt endlich wieder mich zum Lächeln.
Als mein Magen knurrt, mache ich Pause. Habe ich bei meiner überstürzten Flucht Geld eingesteckt? In meiner Hosentasche finde ich einen Kugelschreiber, bei dem die Miene fehlt, und ein leeres Feuerzeug. Dann fischen meine Finger einen Zwanzigeuroschein aus der Gesäßtasche. Noch mal Glück gehabt.
Ich ergattere einen Hotdog und schlendere weiter.
„Du musst ihr eine Pause gönnen! Destiny geht es nicht gut.“ Die fordernde Stimme gehört zu einem jungen Mann mit kinnlangem Haar. Gerade piekt er mit einem Finger gegen die Brust eines älteren Herrn neben dem Ponykarussell. „Du quälst sie nur.“
„Vergisst du mal wieder, dass ich dein Boss bin, Uwe? Ich sage dir, was du zu tun hast, und nicht umgekehrt. Gib Destiny einfach Wasser. Ein paar Stunden schafft sie noch.“ Der Alte dreht sich um und geht.
Ich halte an und beobachte diesen Uwe bei seiner Arbeit. Er ist mir schon mal vor die Linse gelaufen. Die armen Tiere. Im hinteren Teil des Karussells ist eine Pferdeherde aufgemalt, die über die weite Prärie galoppieren. Die Ponys haben sicher noch nie so viel Freiheit gefühlt.
Uwe sieht hoch und bemerkt meinen Blick. Seine Augenbraue schießt in die Höhe. Statt wegzusehen, grinse ich ihn an. Er gefällt mir. Das kann er ruhig wissen. Als ich fertig gegessen habe, mache ich ein paar Fotos von Uwe und den Ponys.
Schließlich kommt er zu mir. „Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragt er.
„Hast du einen Tipp für einen Unterschlupf für diese Nacht für mich, Cowboy?“
Er zuckt mit den Schultern. „Sorry. Ich schlafe in einem umgebauten Bulli.“
„Cool! Klingt gemütlich.“ Mein Blick hält seinen fest.
„Du kannst heute gerne bei mir schlafen. Ist aber ziemlich kalt, und ich habe nur einen Schlafsack.“
Jetzt muss ich grinsen. „Dann müssen wir uns wohl aneinander kuscheln.“
Langsam nickt er. „Nach Dienstschluss kannst du mit zu mir.“
Ich strecke mich grinsend, als ich am nächsten Tag erwache. Was für eine spannende Nacht! Schnell ziehe ich mich an.
Uwe öffnet die Augen und gähnt. „Morgen.“
„Guten Morgen!“ Ich beuge mich über ihn und küsse ihn auf den Mund. „Gut geschlafen?“
Er nickt. „Wie ein Stein.“
„Hoffentlich bekommst du kein Problem wegen der Show, die wir abgeliefert haben.“
„Das interessiert hier niemanden. Willst du Kaffee?“, fragt er. „Ich habe Instantpulver hier. Du kannst Wasser auf dem Campingkocher heiß machen.“
Ich öffne die Schiebetür und stelle alles bereit. „Aber danach muss ich los.“
„Sehen wir uns heute Abend wieder, großer Schotte?“
Er ist ganz nett, außerdem geschickt mit Händen und Mund. Trotzdem habe ich mich in Gedanken bereits von ihm verabschiedet. „Mal sehen, Cowboy. Ich bin nicht auf der Suche nach was Festem.“
„Verstehe. Kannst dich ja melden, wenn du mal wieder eine Schlafgelegenheit brauchst.“
„In dem Fall bist du meine erste Wahl.“ Ich küsse ihn noch einmal auf den Mund, bevor ich mich mit dem Erhitzen des Wassers beschäftige. Sobald ich in die WG zurückkomme, werde ich mich bei Mats für seinen mangelnden Ordnungssinn bedanken.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Indie-Autoren-Challenge Denise Wolf



Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen. Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte. Nach und nach möchte ich die Autoren und deren Geschichten vorstellen:





Denise Wolf stellt sich vor:
Ich bin 1993 geboren und im Landkreis Schwäbisch Hall aufgewachsen. Ich hab, kaum dass ich lesen konnte, unzählige Bücher verschlungen und schon früh selbst Geschichten ausgedacht. Aber bisher kamen die nur unzureichend auf Papier. Mit 16 bin ich nach Nürnberg gezogen, hab aber nach 4 Jahren das Abitur abgebrochen und bin dann für ein halbes Jahr ans Theater, wo ich Regiehospitanz gemacht hab und den Jugendclub betreut habe. Ich hab für mich eigene Stücke geschrieben, die dann aufgeführt wurden und beim Jugendclub geholfen, deren Stück zu entwickeln. Danach habe ich eine Ausbildung als Mediengestalterin begonnen und schreibe nun endlich all die Geschichten auf, die mich seit Jahren quälen. Mein erstes Buch wird von einer Schneekönigin handeln.







Hier kommt nun die erste Kurzgeschichte von Denise Wolf, in der sie folgende 10 Begriffe einarbeiten sollte:


1. Hasenmaske

2. Buddahstatue

3. Kerzenhalter

4. Federmäppchen

5. Schlüsselkarte

6. Maßband

7. Postkarte

8. Magnet

9. Schwein

10. Nähmaschine

11. Briefkopf

12. Locher

13. Kekse

14. Poster

15. Armband



Es war ein ganz normaler Montagabend. Nach der Arbeit hatte ich mal wieder Zeit, durch die Innenstadt zu schlendern. Ich kaufte ein paar Kekse und ein neues Federmäppchen, weil mein altes ausgedient hatte.

Unterwegs kam ich an einem hübschen Trödelladen vorbei und blieb davor stehen. Er wirkte etwas heruntergekommen, hatte aber eine nostalgische Note, die mir gefiel. Man konnte zwar kaum was vom Laden erkennen, dafür waren aber ein paar Gegenstände ausgelegt. Ich sah eine glänzend polierte Buddha-Statue und eine verstörende Hasenmaske. Ein seltsamer Laden.


Meine Neugier war geweckt. Vorsichtig öffnete ich die Tür und schob mich nun doch etwas nervös hinein. Mein Herz pochte aufgeregt. Es war düster. Nur ein paar Kerzen am Tresen brannten. Der Kerzenhalter selbst sah aus wie Knochenhände. Mir lief es kalt den Rücken herunter, aber ich ging trotzdem weiter und sah mir die Regale näher an. Ein paar Poster stapelten aufgerollt neben einem kleinen Haufen Postkarten. Auf einer der Karten konnte ich ein pinkfarbenes Schwein mitsamt Glücksklee erkennen. Auf einer anderen waren Nähutensilien wie Fadenrollen, Nähmaschine und ein Maßband auf einem Stück Stoff abgebildet. Sehr seltsame Karten.

Im nächsten Regal entdeckte ich ein feines Armband in einer Schatulle. Es funkelte geheimnisvoll in dem kaum vorhandenen Licht und sah sehr wertvoll aus. Vorsichtig streckte ich meine Hand aus und strich über die feinen Kristalle. Wie schön es war …

"Finger weg!", bellte plötzlich eine heisere Stimme neben mir. Eine alte Frau stand direkt neben dem Regal und sah mich mit funkelnden Augen an.
"Hier wird nicht einfach alles angetatscht. Schon gar nicht Schmuck. Nimm deine dreckigen Griffel da weg!", zeterte sie weiter und beäugte mich misstrauisch. "Na, willst du weiter das Armband antatschen oder soll ich dir deine Hand abhacken?"
"Nein, ich …", begann ich, doch als ich die Hand wegnahm und mich erneut nach der Alten umsah, war sie verschwunden.

Obwohl mir der Laden unheimlich war, schaute ich mich weiter um. Alles wirkte schmutzig, als hätte seit Monaten niemand mehr geputzt. Nachdem ich die letzte Regalreihe hinter mir gelassen hatte, stand ich vor einem Tresen, auf dem sich ein moderner Kassenautomat mit steckender Schlüsselkarte befand. Direkt daneben lagen Papiere und andere Büroutensilien wie ein Locher. Hier lag kein Staub. alles machte den Eindruck, als sei der Ladenbesitzer nur kurz weggegangen. Ich war schon im Begriff zu gehen, als mir etwas ins Auge stach. An der Rückseite der Kasse waren ein Foto und ein Brief mit einem Magneten befestigt. Auf dem Bild war eine ältere Dame zu erkennen. Moment mal! Das war die Alte, die ich beim Armband gesehen hatte! Neugierig nahm ich den Brief in die Hand. Auf dem Briefkopf erkannte ich ein Datum … 03.12.2001. Verwirrt las ich die Zeilen, blickte erschrocken auf und las sie erneut. Wieder und wieder und ich konnte es mit jedem Mal weniger glauben. Ich starrte auf die Fotografie und meine Hände begannen zu zittern. Eilig verließ ich den Laden und rannte zur Bushaltestelle zurück. Doch als ich aus einer Gasse eilte und über die Straße laufen wollte, kam plötzlich ein Bus auf mich zugeschossen … und überfuhr mich.

Die Alte stand an der gegenüberliegenden Seite und sah dabei zu, wie die junge Frau auf sie zu rannte. Sie wusste nichts von ihrem Schicksal. Und so sollte es bleiben, bis zum letzten Augenblick. Die Alte sah zu, wie der Bus das Mädchen überfuhr und lächelte. Das war das letzte Opfer, dachte sie sich und verschwand. Zurückblieb nur ein Brief, in dem stand:

Johanna,

ich schicke dir das Armband mit einer Bitte. Eine alte Zigeunerin hat mich verflucht. Ich werde nach meinem Tod an das Armband gebunden sein. Nur 13 Tote, die das Armband berühren, können mich erlösen. Bring mir diese Opfer!

In Liebe,
Astrid

Samstag, 1. Oktober 2016

Indie-Autoren-Challenge Jennifer Heine


Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen. Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte. Nach und nach möchte ich die Autoren und deren Geschichten vorstellen:



Jennifer Heine, geboren 1987 in Leverkusen, lebt – nach einigen Jahren abseits der Heimat – nun wieder in der schönen Stadt am Rhein. Schon als Kind war sie von Büchern besessen, schrieb später kleinere Geschichten und Gedichte für die Schülerzeitung und das Jahrbuch ihrer Schule. Während ihrer Lehre zur Pferdewirtin rückten die Bücher und das Schreiben für ihren Traumberuf in den Hintergrund. Nach mehreren Jahren, die die Rheinländerin im Münsterland und später im Ruhrgebiet verbrachte, absolvierte sie eine Umschulung, gründete eine Familie und brachte ihr erstes Kind zur Welt. Während der Schwangerschaft fand sie die Leidenschaft zum Schreiben wieder. Ihre Freizeit verbringt die Bürokauffrau zum Großteil auf dem Rücken eines Pferdes, in ihrem Schrebergarten oder im Schneidersitz mit Laptop auf der Couch, wo sie ihre Geschichten zum Leben erweckt.
Diese Bücher können bei Amazon erworben werden: klick mich



Ganz neu im Indie-Autor-Challenge-Team ist Jennifer Heine Autorin. Sie wurde von der lieben Denise Wolf nominiert. Viel Spaß mit ihrem Challenge-Debüt.


1. Natur
2. Park
3. Apfel
4. Mülltonne
5. Graffiti
6. Sternschnuppe
7. Schnee
8. Laub
9. Auto
10. Ampel
11. Duftkerze
12. Chips
13. Notizblock
14. Visitenkarte
15. Hund


 »Betty, komm endlich«, grummelnd stehe ich auf der Straße und zerre an der Leine, während mein Hund meint, dass die Mülltonne ein hervorragender Ort ist, um ihr Geschäft zu verrichten. Es ist früh am Morgen, beinahe noch Nacht, kaum ein Auto ist auf den Straßen unterwegs. Eigentlich müssten wir nur die Dorfstraße entlang gehen, bis wir an dem wunderschönen Park vorbeikommen. Doch Betty hatte es zu eilig. Der Park ist die Visitenkarte des Dorfes, in dem ich wohne. Vor einigen Jahren gab es hier nichts außer unberührter Natur. Doch die Stadtflucht hat es notwendig gemacht, dass hier neuer Lebensraum geschaffen werden musste.

Nachdem Betty fertig ist, überqueren wir die einzige Ampel im Dorf. Dann endlich erreichen wir den Wald, durch den wir gehen müssen, um zu meiner Arbeit zu gelangen. Ich löse die Leine von Bettys Halsband und fange an zu joggen. Als wir am Stall ankommen, ist noch alles dunkel. Ich öffne das riesige Tor und befestige es mit den Metallketten an der Stallwand. Dann knipse ich das Licht an. Fünf Minuten später höre ich Schritte in der Stallgasse, und Chip, einer der Arbeitsreiter, kommt grüßend auf mich zu.

 »Na Schnecke. Alles frisch?« Nickend reiche ich ihm zwei Eimer.
»Sicher. Fängst du schon mal an? Die anderen müssten jede Minute kommen.«
Innerhalb der nächsten Minuten trudeln alle Angestellten ein. Chips Freundin Laura, Kevin, Martin und Tanja sind gemeinsam mit Chip und mir für das Reiten und Trainieren der edlen Vollblüter zuständig. Anschließend versammeln wir uns vor der Lot-Tafel. Neugierig schaue ich auf meinen Namen und die Pferde dahinter. Karasu, Allqueen und Santero sind die ersten drei, nach der Pause folgen Sternschnuppe, Schnee auf dem Berg und Graffiti.
Als ich später die Box mit der gesattelten Graffiti verlasse, hebt mich der Trainer auf den Rücken des großen Tieres und ich ziehe den Sattelgurt nach.
 »Nele, eine Runde. Laura, Chip und Kevin eine halbe Runde. Tanja, du begleitest Nele.« Tanja schließt zu mir auf, während vom Hof in Richtung Sandbahn reiten.
 »Wie war dein Abend?«
 Ich schüttle den Kopf. »Wenn du das Date mit dem Dressurreiter meinst, dann war es grauenhaft. Es war... ein weiterer Name auf meinem Notizblock, den ich streichen werde.«
 »Wieso?«
»Erinnerst du dich an die Duftkerze?«
 »Die nach Lilien riechen sollte?«
 »Genau die. Ich habe sie angezündet, weil ich dachte, das würde die Stimmung ein wenig heben. Aber was dann kam … Er war gegen irgendeinen Stoff in der Kerze allergisch. Keine fünf Minuten war er in der Wohnung, da ist er hochrot angelaufen und bekam keine Luft mehr. Er keuchte irgendwas von wegen Spray. Also habe ich ihm Deo, Haarspray und so einen Raumlufterfrischer geholt. Der Idiot hat mich damit abgeschmissen, ehe er fluchtartig das Haus verlassen hat. Heute Morgen hatte ich eine Nachricht auf dem Handy, dass wir scheinbar nicht zusammenpassen würden.«
»Nicht dein Ernst?«, lacht sie.
 »Mein voller Ernst. So was habe ich noch nie erlebt.«
 Wir passieren den Übergang und nicken dem Trainer zu.
 »Noch eine Runde, Mädels«, ruft er uns hinterher, während er die anderen zurückhält und sie zur Galoppbahn bringt.
Auf dem Weg zur Galoppbahn gurte ich erneut nach, verkürze die Steigbügel und stelle mich im Sattel auf. Von Weitem können wir bereits die kraftvolle Galoppade der drei anderen Pferde hören. Wenn das Adrenalin durch meine Adern pumpt und der Wind mir ins Gesicht peitscht, wenn das Rennpferd unter mir alles gibt, dann weiß ich, dass ich niemals woanders arbeiten kann. Graffiti tänzelt leicht hin und her, als die anderen näher kommen. Das trockene Laub unter ihren Hufen knistert und ich spüre, wie hart ihr Rücken wird. Mit einem wahnsinnigen Tempo preschen sie dann an uns vorbei. Graffiti ist ganz wild auf den Galopp. Sie tänzelt seitwärts auf die Bahn und ich muss sie zurückhalten. Erst, nachdem der Trainer das Tor geschlossen hat und sich in die Mitte der Bahn begeben hat, trabe ich an. Tanja trabt mit Bolero in der Bahnmitte, ich bleibe innen, wo der Boden härter ist.
»Bereit?«, rufe ich ihr über die Schulter hinweg zu und fasse die Zügel kürzer.
»Los!« Sofort springt Graffiti sanft ab und verfällt in einen gleichmäßigen Galopp. In der ersten Kurve halte sie noch ein wenig zurück, doch am Ende der Gegengeraden treibe ich sie an. Als ich die Zügel verkürze, spüre ich, wie der Gegenwind stärker wird. Spüre, wie sie ihre Kraft einsetzt, um noch ein Bisschen schneller zu werden. Ich höre das Schnauben, wenn sie Luft holt, und bemerke den Kampfgeist, der in ihr erwacht, als Bolero fast auf Kopfhöhe an sie herankommt.
 »Komm, mein Mädchen. Nachher gibt es auch einen dicken Apfel für dich!«, feuere ich sie an. Als wir am Ziel vorbeipreschen weiß ich, dass sie alles gegeben hat.

Sonntag, 31. Juli 2016

Indie-Autoren-Challenge Violet Truelove


Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen. Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte. Nach und nach möchte ich die Autoren und deren Geschichten vorstellen:

Viola Plötz, Jahrgang 1979, studierte Kommunikationsdesign und machte sich nach ihrem Abschluss als Hochzeitsfotografin und Designerin selbstständig. Im Jahr 2014 ereilte sie eine Midlife-Crisis und sie beschloss, endlich ihren langersehnten Lebenstraum vom eigenen Roman zu verwirklichen. Im Dezember 2014 veröffentlichte sie unter dem Pseudonym Violet Truelove über neobooks ihren Roman »Ein Surfer zum Verlieben«, der es auf die Shortlist für den Indie Autor Preis schaffte. Kurze Zeit später wurde sie durch ihren erfolgreichen Debütroman entdeckt und unterzeichnete einen Autoren-Vertrag für ihre New Adult Reihe »Waves of Love«, die sie als Ava Innings schreibt, bei feelings (Droemer Knaur). Die Autorin lebt zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einem Mehrgenerationenhaus im Taunus, also viel zu weit vom Meer, welches ich so liebt und das ihre Geschichten prägt, entfernt. Doch nicht nur für das Wellenreiten kann sie sich begeistern, sondern auch für Yoga, die Fotografie und das Lesen.



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Die Wörter von Dietmar Hesse passten Violet Truelove & Lindsay Lovejoy sehr gut in den Kram, schrieb sie doch gerade an Teil 2 von “Ein Cop zum Verlieben” mit dem Titel “Ein Geist zum Verlieben”.

Anbei also eine Geschichte aus dem Zum-Verlieben-Universum mit altbekannten Charakteren.

1. Universum
2. Lichtung
3. Sternenhimmel
4. Tulpen
5. Lächeln
6. Ratte
7. Liebesbrief
8. Reporterin
9. Klippe
10. Blutdruck
11. Telefonzelle
12. Wahrsagerin
13. Rühreier
14. Leichtsinn
15. Paket

Jared stand auf der Klippe und schaute auf das Meer hinab, das unter ihm toste. Nur noch acht Tage bis zu seinem Tod. Hatte er sich die ganze Zeit über gefragt, wie es Daisy nach seinem Tod ergehen würde, so machte sich seit ein paar Tagen die Angst bei dem Gedanken an sein Ableben breit. Wie würde es passieren? Hätte er große Schmerzen? Oder würde es rasch geschehen und er würde davon nicht einmal etwas mitbekommen? Diese Fragen stellte er sich seit Kurzem häufiger und er war drauf und dran Jenny, oder eine der anderen Wahrsagerinnen der Familie, um Hilfe zu bitten. Andererseits war es vielleicht besser, wenn er nicht genau wusste, was auf ihn zukam. Schließlich war es schlimm genug, seinen genauen Todestag zu kennen. Er seufzte leise, legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in den Sternenhimmel. Bei dem Anblick des Himmelszeltes über ihm, kam er sich klein und unbedeutend vor. Sein persönliches Drama war dem Universum scheinbar vollkommen egal. Da oben juckte es niemanden, dass er noch vor der Geburt seiner Tochter das Zeitliche segnen würde.

Der Gedanke an das Baby zauberte ihm unwillkürlich ein Lächeln auf das Gesicht. Es war kein Leichtsinn gewesen, der zu Daisys Schwangerschaft geführt hatte. Nein, sie hatten immer gut verhütet und dennoch war seine Frau ungeplant schwanger geworden. Es war Schicksal und auch wenn erst die Zeugung seiner Tochter den Fluch ausgelöst hatte, so konnte er es nicht bereuen. Er wünschte bloß, er hätte mehr Zeit. Daisy allein zurückzulassen war ein grausamer Gedanke. Sie war stark und er hatte volles Vertrauen in sie. Sie würde einen Weg finden, ohne ihn weiterzuleben und dennoch wünschte er sich von ganzem Herzen, dass das nicht notwendig wäre. Wie gerne würde er sein Kind aufwachsen sehen und noch ein halbes Dutzend weitere mit Daisy zeugen.

Doch die Dinge waren, wie sie waren, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in sein Schicksal zu fügen. Er hatte Daisy heute einen langen Liebesbrief geschrieben, den er zusammen mit weiteren Anweisungen und allerlei Kleinigkeiten in einem kleinen Paket an eine befreundete Reporterin gesendet hatte. Sie würde ihm helfen und Dinge in die Wege leiten, die er nicht mehr würde tun können. Doch Daisy hatte eine große Familie. Eine verrückte aber liebenswerte Familie, durch die er viele Erfahrungen und viel Wissen hatte sammeln können. Zu ihnen zu gehören, war wie in eine fremde Welt einzutauchen und dennoch hatte er sich sofort heimisch gefühlt. Er hatte gelernt, dass die Ratte ein chinesisches Tierkreiszeichen war und nicht nur ein Nagetier und Schädling. Und auch, dass die Telefonzelle, die Daisy auf dem Oberschenkel trug, keine banale Telefonzelle, sondern die TARDIS aus Doctor Who war. Von seiner wunderbaren Frau hatte er auch das perfekte Rezept für Rühreier bekommen, das er mit in sein Grab nehmen würde, und durch sie hatte er seinen Bruder gefunden. Seine chaotische, kleine Hexe hatte sein Leben auf den Kopf gestellt und ihm die schönsten Stunden seines Lebens beschert. Er liebte sie so sehr, dass sich sein Herzschlag beschleunigte, sobald er nur an sie dachte. Diese Frau trug so viel Feuer und Leidenschaft in sich, dass sie es auch schaffen würde, den Blutdruck eines Toten ins Unermessliche zu treiben. Jared lachte freudlos über seinen Vergleich.

Er kehrte dem Meer den Rücken und lief den Pfad hinauf zu der Blockhütte, wo seine Frau im Bett lag und selig schlief. Sie seufzte leise, als er sich hinter sie legte und sie in die Arme schloss. In der Nacht träumte er von einer Lichtung voller Tulpen. Symbole für eine bessere Zeit und die Vergänglichkeit, wie ihm Bella am nächsten Mittag mitteilte.

 „Da war auch ein Reh. Es wurde vor meinen Augen getötet. Ich habe versucht, es zu beschützen, doch es wollte mir nicht gelingen.“ Bella warf Daisy, die neben Jared saß und seine Hand hielt, einen flüchtigen Blick zu, ehe sie antwortete: „Das Reh ist ein sehr ambivalentes Traumsymbol. Es hat diverse Bedeutungen, doch wird es getötet, so steht es für Verlust und Trauer. Seine spirituelle Bedeutung als Krafttier ist jedoch Dankbarkeit und daraus resultierender innerer Frieden.“

„Ich bin dankbar“, erwiderte Jared. Er war für jeden kostbaren Moment, den er mit diesen Menschen verbringen durfte, dankbar und auch, wenn ihm nur noch sieben Tage blieben, so waren es doch sieben Tage voller Liebe, Freundschaft und Zuneigung.

Samstag, 30. Juli 2016

Indie-Autoren-Challenge Birgit Loistl

Im März 2015 hatten einige Autoren die Idee sich einer besonderen Herausforderung zu stellen. Ihnen sollten 15 Begriffe genannt werden und sie wollten eine Geschichte daraus machen, die mindestens drei Seiten lang sein sollte. Nach und nach möchte ich die Autoren und deren Geschichten vorstellen:





Birgit Loistl, ein Kind der späten Siebziger Jahre,
lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern an
einem See in der Nähe von München.

Ihr Debutroman "Forever Lizzy" ist im Februar 2015
erschienen und der erste Band der "Silky Oaks Lovestories".

Sie mag die Farbe lila, Gewitter und Nougatschokolade.
Fünf Dinge, die fast niemand über mich weiß: -








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Ich, Birgit Loistl bin von der sehr lieben D.L. Andrews nominiert worden. Ziel war es mit 15 vorgegebenen Wörtern eine Kurzgeschichte mit maximal 3 Seiten zu schreiben. Mit folgenden Wörtern musste ich arbeiten:


1. Baby
2. Verlust
3. Selbstzweifel
4. Alkohol
5. Drogen
6. Chirurg
7. Liebesbrief
8. Mülleimer
9. Unfall
10. Eltern
11. Roboter
12. Schneesturm
13. Vertrauensbruch
14. Verrat
15. Einsamkeit




Hier meine Geschichte:
„Eine wunderschöne Nacht wünsche ich Euch, wo immer ihr auch seid. Hier spricht Annabelle von Radio Neo München und ihr hört Dreamnight, die beste Nachtshow der Stadt. Nun spiele ich euch die bezaubernde Sandy McDonald mit ihrem neusten Hit Sweet Kisses und anschließend erwarte ich meinen nächsten Anrufer. Ruft mich an!“
Ich drücke den roten Knopf an meinem Mikrofon und nehme den Kopfhörer ab. Marc, mein Aufnahmeleiter, steht einige Meter von mir entfernt hinter einer Glaswand und wedelt mit einem Blatt Papier in seiner Hand. Genervt schüttle ich den Kopf und stöhne laut auf. Nicht schon wieder! Marc scheint meinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten. Er öffnet die Studiotür und steckt seinen Kopf herein. „Es wurde schon wieder ein Liebesbrief für dich beim Pförtner abgegeben. Hast du Paul nicht gesagt, dass er einen Gang herunterschalten soll?“
„Doch“, seufze ich und strecke die Hand aus, als Marc näher kommt und mir den Brief reicht. Ich weiß, was darin steht. Dass er sich in mich verliebt hat und mir die Sterne vom Himmel holen möchte. Dass er noch nie für eine Frau so empfunden hat. Dass er es kaum erwarten kann, mich wiederzusehen. Ohne groß darüber nachzudenken, reiße ich den Brief ungelesen in kleine Stücke und werfe ihn in den Mülleimer. „Was ist?“, fahre ich Marc an, der mit hochgezogenen Augenbrauen die Arme vor seiner Brust verschränkt und mich still mustert. „Warum sagst du ihm nicht einfach, dass er sich verpissen soll.“ Ich lege den Kopf in den Nacken und fahre mir über das Gesicht. Noch zwei Songs, dann bin ich wieder auf Sendung.
„Das kann ich nicht. Es ist ja nicht so, dass ich nichts für ihn empfinde. Es ist nur alles zu viel, verstehst du? Er ist aufmerksam und liebevoll. Er hört mir zu und braucht mich, das spüre ich.“ Ich greife zu meiner Flasche Cola light und nehme einen Schluck davon. „Und meine Eltern lieben ihn. Das ist der Wahnsinn schlechthin. Bisher dachten sie von jedem Kerl, den ich mitgebracht habe, er sei gerade frisch aus dem Gefängnis gekommen. Aber er ist Postbote, Marc. Einfach nur Postbote.“
„Na und? Willst du mir sagen, dass du wirklich so oberflächlich bist, Belle? So kenne ich dich gar nicht.“ „Ich bin nicht oberflächlich. Aber ich denke auch an meine Zukunft. Ich bin achtundzwanzig. Ich habe Wünsche, verstehst du? Ein kleines Häuschen, Kinder. Ich verdiene hier nicht die Welt, Marc und ein Postbote…naja, er verdient nicht viel mehr als ich.“
„Wie lange seid ihr jetzt schon zusammen?“
„Acht Monate.“
„Acht Monate? Weißt du wie viele Typen ich kenne, die nach acht Monaten immer noch solche Liebesbriefe an ihre Freundin schreiben? Keinen einzigen. Die meisten machen sich die Arbeit so lange, bis sie sie flachgelegt haben und dann ist es vorbei mit dem Süßholz raspeln. Also entweder hattet ihr bis heute noch keinen Sex – und falls ja, kannst du den Kerl in die Tonne treten. Oder aber, und das halte ich für wahrscheinlicher, der Typ liebt dich. Und dann ist es doch egal, ob er Chirurg oder Postbote ist, oder nicht?“
„Du bist ein Kerl, du verstehst das nicht. Tu mir einfach einen Gefallen. Er hat gemeint, er holt mich später ab, also wenn er auftaucht, dann…“ Marc schüttelt den Kopf und wendet sich von mir ab. „Ich weiß… ich soll ihm sagen, du hast früher Schluss gemacht und bist schon nach Hause gegangen. Echt, Annabelle, diese Tour ist so was von mies.“
Ich schlucke und schließe die Augen, als Marc die Studiotür schließt. Ich weiß, dass ich mich gemein verhalte. Aber ich kann nicht anders. Ich nippe an meiner Flasche Cola und lasse mich nach hinten in den Stuhl fallen. Mein Blick fällt auf die leuchtend roten Zahlen, die über der Studiotür hängen. Es ist Sonntag, drei Stunden nach Mitternacht. Draußen tobt ein Schneesturm und mir graut bei dem Gedanken, nach Hause zu gehen. Plötzlich blinkt die Telefonanlage rot auf. Ein neuer Anrufer ist in der Leitung. Ich setze meine Kopfhörer auf und drücke auf das rote Lämpchen. „Hier spricht Annabelle und ich freue mich auf meinen neuen Anrufer. Hallo, ist jemand dran?“
Eine Totenstille liegt in der Luft, ich höre ein schweres Atmen. Sonst nichts. Ich liebe meinen Job. Wirklich. Aber manchmal ist es echt ein bisschen gruselig.
„Hallo?“
„Hallo.“ Es ist die Stimme einer Frau.
„Eine wunderschöne Nacht wünsche ich dir. Verratest du mir deinen Namen?“
„Marie“, wispert sie und ihre Stimme zittert.
„Möchtest du mir etwas erzählen, Marie?“
Sie ist eine Weile still. Ich höre nur ihren schnellen Atem. „Ist das…“ stockt sie, bevor er weiterspricht“... ist das wirklich live?
Ich lächle, denn diese Frage wird jedes Mal gestellt. „Ja. Die Sendung wird live gesendet. Glaubst du ich würde mich um diese Uhrzeit ins Studio setzen, wenn ich stattdessen in meinem warmen, weichen Bett liegen könnte?“ „Nein“, antwortet sie schnell. „Natürlich nicht.“
„Möchtest du mir etwas anvertrauen?“ So funktioniert unsere Show. Die Menschen rufen mich an und erzählen mir ihre Probleme, ihre Ängste, ihre Albträume. Sie versuchen auf diesen Wege mit jemanden zu reden, weil sie sonst niemanden haben, der ihnen zuhört und sie versteht. Und die Einschaltquoten sprechen für sich. Dreamnight ist die erfolgreichste Nachtshow Deutschlands. Sie wird bundesweit gesendet, die Menschen rufen mich von überall an. „Ja.“ Es entsteht eine Stille, dann spricht sie weiter. „Mein Freund…er hatte einen Unfall.“
„Das tut mir leid, Marie. Wurde er verletzt?“
„Ja“, flüstert sie. Es fällt ihr sichtlich schwer zu reden. „Er…er ist gestorben.“ Sie atmet tief ein und ich bin im ersten Moment erschüttert. Ich hasse diese Situationen, weil es zu meinem Job gehört, die richtigen Worte zu sagen. Aber leider weiß ich nicht immer, was die richtigen Worte sind.
„Heute ist sein Todestag. Vor fünf Jahren starb er bei einem Autounfall.“ Mein Gott, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich verspüre Mitleid mit ihr, denn in ihrer Stimme klingt so viel Zuneigung und Liebe …und Einsamkeit.
„Wir hatten an diesem Abend einen Streit. Wissen sie, wir kannten uns seit der Grundschule. Er war mein bester Freund. Und in all den Jahren haben wir oft gestritten, aber wir haben uns immer versöhnt, bevor wir auseinander gegangen sind. Ich weiß, es klingt wie ein Klischee, aber ich hatte immer Angst, dass einem von uns etwas passieren könnte. Aber an diesem Abend war ich so wütend.“ „Weswegen waren sie wütend?“
„Er hat seinen Job verloren, weil die Polizei bei ihm im Wagen eine Flasche Jack und 20 Gramm Marihuana gefunden hat. Chris war Taxifahrer. Verstehen sie? Er hat seine Existenz aufs Spiel gesetzt und weil er sich abends mit ein paar Kumpels die Kante geben wollte.
„ Mir ist klar, dass sie allen Grund hatte, wütend zu sein. Alkohol und Drogen bei einem Taxifahrer ist unverantwortlich.
„War er denn betrunken?“
„Nein, ich glaube nicht“, ihre Stimme klingt wie ein Roboter. „Für mich war es einfach ein Vertrauensbruch. Er wusste, dass ich nichts für Drogen übrig habe. Deshalb hat er heimlich geraucht. Das war für mich wie ein Verrat. „
„Ich kann sie verstehen, Marie. Ich denke, viele in ihrer Situation hätten so reagiert.“
Ich war so unglaublich wütend auf ihn und dann habe ich Dinge gesagt, die unverzeihlich waren.“ Sie lacht, aber es ist kein glückliches Lachen. "Ich habe ihn mit dem Mann meiner Schwester verglichen. Er ist Zahnarzt, wissen sie. Sie haben ein kleines Häuschen, zwei Kinder und einen Hund. Die perfekte Familie – naja, rein äußerlich, wenn man davon absieht, dass er meine Schwester regelmäßig betrügt. Paul ist sauer geworden und hat mich angeschrien, wenn ich so wenig von ihm halte, dann könne er ja gehen!“ Sie schluchzt und mir wird es schwer ums Herz. „…und dann habe ich ihm gesagt, dass das eine gute Idee wäre. Verstehen sie das? Ich habe dem Mann, den ich über alles geliebt habe, gesagt, er soll verschwinden.“
„Und dann ist es zu dem Unfall gekommen?“ Ein Kloß sitzt in meinem Hals und versuche, das trockene Gefühl in meiner Kehle loszuwerden.
„Ja. Er ist von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Die Ärzte meinten, er wäre sofort tot gewesen.“ Mir bricht es das Herz als ich ihre Worte höre. „Ich vermisse ihn so. Diese kleinen Dinge, wissen sie was ich meine? Er hat im Schlaf immer etwas gesabbert und seine Jacke immer neben die Garderobe gelegt. Wissen sie, wie wahnsinnig mich das früher gemacht hat? Und er hat das R immer besonders gerollt, so dass ich sogar einen Termin bei einer Logopädin für ihn vereinbart habe. Gott, was würde ich dafür tun, wenn ich ihn nochmal hören könnte.“ Tränen laufen mir über das Gesicht, aber ich wische sie nicht weg.
„Ich habe es ihm nie gesagt, verstehen sie? Er hat nicht gewusst, wie sehr ich ihn liebe. Er hat immer gesagt, wie sehr er mich liebt und das er mich heiraten und mindestens ein Baby mit mir haben möchte und ich habe ihn immer ausgelacht. Ich habe es verdammt nochmal nicht über mich gebracht, ihm zu sagen, wie sehr ich ihn liebe.“
„Seien sie nicht so streng mit sich, Marie. Er hat es sicher gewusst.“
„Ist das so?“ Sie flüstert und seufzt tief. „Ich wollte eigentlich keine traurige Geschichte erzählen. Eigentlich habe ich angerufen, weil ich jedem einen Rat mit auf dem Weg geben möchte. Niemand ist perfekt und das ist auch nicht wichtig. Das einzige, was wirklich zählt, ist, dass dich jemand so nimmt wie du bist. Denn jeder Mensch ist es wert geliebt zu werden. Ohne Wenn und Aber. Naja, und jeder Mensch ist es wert zu wissen, dass er geliebt wird. Dadurch vergibt man sich nichts. Im Gegenteil, es macht alles noch viel schöner.“
„Das hast du sehr schön gesagt“, möchte ich sagen, aber soweit komme ich nicht mehr. Es ertönt bereits das Leerzeichen. Marie hat bereits aufgehängt.
„Es ist drei Uhr dreißig und meine Zeit ist zu Ende. Nehmt euch Maries Worte zu Herzen. Das war Dreamnight, die aufregendste Show der Stadt und ich wünsche euch noch eine wundervolle Nacht.“
Ich lassen den Kopfhörer fallen und lege meinen Kopf auf die Tischplatte. Ich bin erschöpft, müde und ausgelaugt. Maries Worte haben mich bewegt und Dinge in mir wachgerüttelt, die Selbstzweifel in mir wachrufen. Gerade als ich den Kopf hebe, sehe ich Marc mit dem Rücken zur Glaswand stehen, wie er mit den Armen herumwedelt. Und dahinter sehe ich eine dunkelbraune Lederjacke. Paul. Marc wird ihm sagen, dass ich bereits gegangen bin. So schnell ich kann, springe ich auf, stolpere über die Kabel am Boden und reiße die Tür auf. Paul öffnet gerade die Eingangstür als er inne hält und sich zu mir umdreht.
„Anna?“ fragt er erstaunt. Du bist noch da?“
„Ja“, antworte ich schnell, greife nach meiner Jacke und werfe Marc einen kurzen Blick zu, der mich fragend beobachtet, ein zaghaftes Lächeln umspielt die Lippen. Er weiß, was in mich gefahren ist. Maries Worte haben mich berührt. Ich nicke Marc kurz zu, greife dann Pauls Hand und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.
„Lass uns nach Hause gehen“, sage ich und drücke seine Hand noch ein wenig stärker. Ich werde Maries Rat befolgen. Jeder Mensch ist es wert, so geliebt zu werden, wie er ist. Bisher war ich blind, aber jetzt weiß ich, dass ich jede Sekunde genießen muss. Sie kann so schnell vorüber sein.